Kolumne: Stilblüten
Donnerstag, 18. September 2008
in Kolumnen
„Dem Nussgipfel wurde für einen besseren Geschmack zu erreichen, Vanillearoma beigesetzt ...“ Ich stellte mir danach bildhaft vor, wie das Vanillearoma in einem Sarg aus Blätterteig dem Nussgipfel beigesetzt wurde. In unserer Redaktion erfanden wir sogar fiktive Todesanzeigen: „In stiller Trauer nehmen wir Abschied von unserem treuen Freund, dem Vanillearoma.“ Als Trauerfamilie wurden das Bittermandelaroma und der Rohrzucker genannt.
„Seit Jahren züchtige ich in meinem Garten eigene Himbeeren ...“ - Das muss wohl eine Domina sein, die den Himbeeren, in der Hoffnung, dass sie dann ein besseres Aroma erhalten, mit der Peitsche immer wieder eins überbrät ... Die armen Himbeeren taten mir extrem Leid ...
Irgendwie erinnerten mich diese beiden Beispiele an meine Zeit in der Kanti. Dort war es nämlich meine Aufgabe, Stilblüten aus der Klasse und auch die unserer Lehrer festzuhalten. Diese gesammelten Meisterwerke wurden dann in unserer Maturazeitung veröffentlicht. Auf die Idee gebracht hatte mich meine ehemalige Nachhilfelehrerin, die mir ihre Maturazeitung verkauft hatte. Ich war so amüsiert von den verbalen Ausrutschern, dass ich mir schwor, solche selber auch zu sammeln.
Und ich wurde nicht enttäuscht. Bereits an meinem dritten Tag an der Kanti schrieb mein damaliger Geografielehrer (bei dem mussten wir immer, O-Ton: „alles wortwörtlich abschreiben!!“) an die Wandtafel: „Ich erzähle die Geschichte von dieseS Land von DIE letzte Eiszeit bis heute.“ Damit war der Grundstein meiner Stilblütensammler-Karriere gelegt. Ich hatte von diesem Tag an immer ein kleines Notizbuch bei mir, in das ich alles notierte, was ich hörte. Meine Klassenkameraden waren von der Idee so angetan, dass sie eifrig mithalfen beim Sammeln. Wenn ich was nicht gehört hatte, machten sie mich drauf aufmerksam in den 5-Minuten-Pausen.
Und wenn ich mal krank war, schrieben sie alles, was ich verpasst hatte (nur die Stilblüten, die Notizen kopierte ich eh) auf und übergaben es mir, wenn ich wieder in der Schule war. Damals hat es grossen Spass gemacht.
Und während ich diese Kolumne hier schreibe, überlege ich, ob ich nicht auch hier in der Redaktion wieder mit Sammeln anfangen will. Mit beigesetzten Aromen und gezüchtigten Himbeeren wäre jedenfalls schon ein guter Anfang geschaffen.





