Kolumne-Japan: Schuluniformen gehören zum Alltag wie getrocknete Tintenfische
Donnerstag, 12. Juni 2008
in Kolumnen
(Foto: Edgar Studer)
Kaum ein anderes Land auf der Welt hält so rigoros an der veraltet erscheinenden Tradition der Schuluniformen fest wie Japan. Wir Schweizer, die wir beim geringsten Anzeichen von Gleichmachung laut aufschreien und sogleich die „Gefährdung einer gesunden Entwicklung der eigenen Identität des Kindes“ zu erkennen glauben, kennen den Anblick von ganzen Horden exakt gleich angezogenen Kindern und Jugendlichen kaum. In den Städten und Dörfern Japans sind diese jedoch ein so alltägliches Bild wie die getrockneten Tintenfische im Supermarkt.
Wenn man zum ersten Mal wirklich mit diesem Thema konfrontiert wird, macht man sich selbstverständlich seine Gedanken dazu… Ich meine, jetzt mal ehrlich: Was soll das Ganze? Weshalb müssen bereits die Kindergärtler im einheitlichen Tenue daherkommen? Als ob man die Kleinen, kaum den Windeln entwachsen, bereits ohne Gnade auf das beschwerliche Leben nach der Schule hinweisen wollte. Und wieso müssen selbst 17-jährige beinahe-Erwachsene schon aussehen wie die Millionen japanischen Geschäftsmänner in ihren langweiligen, schwarzen Anzügen? Lässt man den Jungen denn nicht einmal mehr eine unbeschwerte, sorgenfreie Kindheit? Ja, solcherlei Fragen gehen einem durch den Kopf, wenn man diese kleinen „Soldaten“ durch die Strassen hetzen sieht.
Mit wenigen Ausnahmen schreiben alle Schulen in Japan ihren Schülern das Tragen einer Schuluniform (seifuku) vor. Der Begriff „Schuluniform“ ist in diesem Zusammenhang übrigens durchaus wörtlich zu nehmen, basiert doch in den High-Schools das grundlegende Design der Kleidungsstücke für die Jungs auf demjenigen einer Soldatenuniform des alten Preussens! Charakteristisch dafür sind ein enger, hoher Kragen (der nicht wirklich bequem wirkt) und goldene Knöpfe.
Die Mädchen wiederum tragen oftmals eine Uniform, die den einen oder anderen vielleicht an einen Matrosenanzug erinnern mag. Abgekupfert wurde damals von der in Grossbritannien zu Beginn des 20. Jahrhunderts weit verbreiteten Sportbekleidung für junge Frauen.
Wie bereits erwähnt trägt der Japaner schon während der Zeit im Kindergarten eine Art Uniform, die zwar durchaus niedlich anzusehen ist, aber für viele Westler bestimmt eher abstossend wirkt. In der Grundschule, der Junior-High-School und der Senior-High-School geht es im gleichen Sinne weiter. Der eigentliche Grund für eine derart strenge Kleiderordnung im gesamten Kaiserreich ist folgender: Teamwork!
Von Beginn weg wird den japanischen Kindern auf diese Weise beigebracht, dass niemand mehr wert ist als ein anderer. Eine radikale Umsetzung der Prinzipien der Gleichberechtigung. Keiner sticht durch einen anders gearteten Kleidungsstil aus der Menge heraus, woraus sich zwei wichtige Vorteile ergeben: Zum einen wird kaum jemand der Kleidung wegen gehänselt (was in der Schweiz während meiner Schulzeit oft der Fall war), zum anderen soll den Kindern auf diesem Wege vor allem beigebracht werden, dass man mehr erreichen kann, wenn man GEMEINSAM zu Werke geht, wenn man ZUSAMMEN am gleichen Strick zieht! Dies stellt DIE grosse Devise der japanischen Gesellschaft dar und ist gleichzeitig ein Grund dafür, weshalb Japan sich innerhalb kürzester Zeit von einem rückständigen Land zu einer Wirtschaftsmacht sondergleichen emporgearbeitet hat.
In der Schweiz wird schon seit einiger Zeit eine Debatte darüber geführt, ob man die Schuluniform wieder einführen sollte. Doch hätte dieses unscheinbare Kleidungsstück denselben, positiven Effekt auch auf den Nachwuchs in unserem Land? Wir leben in einem Kulturkreis, in dem eigenständiges Denken als erstrebenswert angesehen wird. Teamwork schön und gut… Trotzdem will jeder sein eigenes Leben führen und ausserdem nicht Tag und Nacht daran erinnert werden, dass man auch nicht anders ist als alle anderen, dass man nichts Besonderes ist, sondern bloss ein kleines Zahnrad im Getriebe der Wirtschaftsnation Schweiz. Irgendwie verständlich.
In der Kultur Japans ist die Schuluniform nicht mehr wegzudenken. Denn hier, wo die Menschen bereit sind, sich dem rechtmässigen Chef unterzuordnen ohne viele Fragen zu stellen um dann gemeinsam ein ehrgeiziges Ziel zu erreichen, hat sie ihre Berechtigung und ihren Sinn.



