Kolumne: Sich eine Grippe nehmen
Donnerstag, 6. September 2007
in Kolumnen
(Paul-Georg Meister) - „Ich muss mir mal wieder eine Grippe nehmen“, sagte kürzlich mein Kollege Kurt. „Das ist doch toll. Da sagst du einfach im Büro und deiner Frau, du hast Grippe, legst dich ins Bett und geniesst ein bis zwei Tage zusätzliche Ferien, kannst lesen, faulenzen, einfach nichts tun.“
Kurts Spruch kam mir heute wieder in den Sinn. Mein Schädel brummt, der Hals brennt, ich muss dauernd niesen, der Fiebermesser klettert deutlich über die 37°-Marke, meine Knochen tun mir weh und wenn ich den Kopf schnell drehe, folgt das Bild vor meinen Augen mit einem Sekundenbruchteil Verzögerung.
Also erledigte ich im Büro nur das Wichtigste, legte ich mich ins Bett und wollte mal wieder ein Buch lesen. Doch die Buchstaben verschwimmen und auch nach dem zweiten Aspirin pocht mein Schädel, als würde er demnächst platzen.
Also Schwarztee trinken. Doch der Schwarztee schmeckt wie immer – nach Schwarztee – und auch nach dem dritten Löffel Zucker ist er nur süss, aber deshalb noch lange kein Genuss. Also erinnere ich mich an meine Kindheit: Zwieback.
Zwieback hilft auch nicht viel. Mein Hals kratzt nun noch viel mehr und irgendwie hab’ ich das Gefühl, wenn ich noch viel trockenen Zwieback esse, bekomme ich bestimmt schon bald auch Magenbrennen.
Also lege ich mich ins Bett. Ich will mir einen Film ansehen, doch irgendwie begreife ich die Handlung nicht und irgendwann merke ich, dass der Film schon lange fertig ist, und bereits irgendeine Gerichtsverhandlung angefangen hat, in der sich eine junge Frau und ein junger Mann gegenseitig beschuldigen. Ich weiss nicht, was sei einander vorwerfen – als zappe ich weiter. Das hilft allerdings nichts, ausser der Werbung für ein Küchengerät, mit dem man alles – aber wirklich alles – zerhacken kann, begreife ich nichts. Wo ist der Abschaltknopf?
„Ich muss mir mal wieder eine Grippe nehmen“, sagte kürzlich mein Kollege Kurt. Nun, ich hab sie mir nicht genommen, ich hab’ sie bekommen, und das ist sehr unangenehm, denn nun muss ich ein paar Tage das Bett hüten.
Das Schlimmste aber ist, dass ich genau weiss, dass Kurt nun meint, ich liege im Bett, geniesse ein bis zwei Tage zusätzliche Ferien, kann lesen, faulenzen, einfach nichts tun. Schön wär’s!



