KOLUMNE: Der Morgen
Freitag, 5. Mai 2006
in Kolumnen
(Parzival Meister) Es ist Zeit, signalisiert mir mein Wecker. Instinktiv hau ich drauf. Keine Angst, ich werde schon rechtzeitig aufstehen, mein Wecker meldet sich nach kurzer Zeit wieder und ich hab noch etwas Zeit, bis es wirklich Zeit ist – sagt mir zumindest mein Zeitgefühl. Die Zeit verstreicht wie im Schlaf, wenn man wieder einschläft. Denn schon wieder sagt mir mein Wecker, dass es Zeit ist, obwohl ich das Gefühl habe, dass kaum Zeit verstrichen ist. Zeitlich gesehen, wäre jetzt wirklich die Zeit, um aufzustehen, aber ich glaube, dass mir mein Chef die fehlende Zeit schon verzeiht. Der nächste Schlag auf den Wecker.
Jetzt wird’s aber höchste Zeit, zeigt die Zeitanzeige. Ich hau drauf, lass mir Zeit, mach mir Gedanken über vergangene Zeiten und merke, dass mich die Zeit schon während meiner ganzen Lebenszeit in der Morgenzeit am meisten genervt hat.
Die Zeit drängt, verkündet der Wecker, der mir mit der Zeit wirklich auf den Wecker geht. Ich blicke auf die Zeitanzeige, die mir zeigt, dass ich jetzt wirklich keine Zeit mehr habe, um Zeit zu verlieren. Aber halt, was sehe ich denn da? Diese neuzeitliche Zeitanzeige zeigt mir nicht nur die Zeit – diese Zeiten sind vorbei – sie zeigt mir auch, zu welchem Wochentag die angezeigte Zeit gehört. Und, es ist Samstag. Ich habe also noch Zeit, die Zeit im Schlaf verstreichen zu lassen. Was habe ich mir in der Zeit, als ich gestern schlafen ging nur gedacht, als ich die Weckzeit dieser Zeitanzeige eingestellt habe.
Ich muss in dieser frühen Morgenzeit vergessen haben, den Wecker ganz auszuschalten. Denn schon wieder signalisiert er mir in unsanftem Ton die Zeit und segnet sogleich das Zeitliche!



