Korpsrapport Polizei Stadt Grenchen: Erforschte Fussballfankulturen
Sonntag, 14. Januar 2007
in Archiv bis 2007

Professor Dr. Gunter A. Pilz referierte in Grenchen
Im Auftrag des deutschen Bundesinstituts für Sportwissenschaften beschäftigt sich Professor Dr. Gunter A. Pilz seit 2004 mit einem Kreis von Wissenschaftlern intensiv mit Fussballfankulturen und Gewalt. In seinem Referat am Korpsrapport der Polizei Stadt Grenchen führte Gunter A. Pilz seine Zuhörer gekonnt in diese erforschte Welt ein. Er referierte fachlich kompetent, brachte den Ernst des Themas rüber, tischte durch seine Redegewandtheit und lockeren Sprüchen aber alles andere als eine trockene Materie auf.
Pilz teilt die Fussballfans grundsätzlich in drei Gruppen ein: konsumorientierte Fans, Ultras und Hooligans. Erstere sehen Fussball vor allem als Event an und wollen unterhalten werden – das Spiel selbst sei dabei oftmals Nebensache. Diese Gruppierung – welche die VIP-Plätze einnimmt - ist nicht mit Gewalt in Verbindung zu bringen. Aber, diese Konsumenten bringen auch keine Stimmung in ein Stadion, was bei einer Überbesetzung als überaus negativ empfunden werden kann.
Die Ultras hingegen sind als eingefleischte Fans zu betrachten. Der Verein ist ihr Leben. Sie haben sich im Stadion eine eigene kleine Welt mit Freunden und Freiraum geschaffen. Sie setzen sich gegen eine Kommerzialisierung des Fussballs ein. Obwohl sich etliche Gruppierungen gegen Gewalt und Rassismus aussprechen, komme dies trotzdem oft vor, so Gunter A. Pilz. Oft werden gegnerische Fangruppen provoziert, was nicht selten in einer Auseinandersetzung endet. Die Hooligans gehören zur Gruppe, die sich ganz offen zur Gewalt bekennt. Sie treffen sich ausserhalb des Stadions. Ihre Beweggründe sind Selbstbehauptung oder Selbstdurchsetzung. Hooligangruppierungen setzen sich meist aus allen Gesellschaftsschichten zusammen. Wie Pilz erklärt, suchen auch Anwälte und Ärzte den Nervenkitzel sich mit anderen Hooligans und der Polizei zu prügeln.
Doch Gunter A. Pilz weiss die Fussballfans nicht nur zu beurteilen, sondern gab auch gleich Tipps, wie individuell dagegen vorgegangen werden muss. Zwischen Ultras und Hooligans besteht nämlich ein gewaltiger Unterschied. Hooligans suchen den Streit mit der Polizei. Sie sehen diese Prügelei als „sportlichen“ Wettkampf an. Bei ihnen muss die Polizei Präsenz markieren, keine Toleranz zeigen und kompromisslos durchgreifen.
Bei Ultras hingegen, sollte eine andere „Waffe“ zum Zug kommen. Greift die Polizei hier einfach ein, besteht die Gefahr der Solidarisierung. Will heissen, dass ein Teil der Gruppe mit dem Verhalten von anderen nicht einverstanden ist und das Problem eventuell selbst löst. Greift die Polizei aber einfach hart durch, bekommt sie es automatisch mit der ganzen Gruppierung zu tun. Es gilt also präsent zu sein, dies aber nicht zu zeigen und auf Selbstregulierung zu setzen. Wenn dies nicht funktioniert, muss ein Polizeieinsatz transparent und nachvollziehbar gemacht werden. Bei der WM in Deutschland kamen dazu erstmals Konfliktmanager zum Einsatz, die den Ultras mitteilten, dass die Polizei eingreifen werde, wenn das so weitergehe. Diese Vorgehensweise habe sich bewährt.
Zum Schluss seines Referats liess Pilz Bilder sprechen: Fotos von Fans, die nicht an Gewalt denken, sondern die WM in Deutschland zu einem Fussballfest machten – und diese Gruppe macht immerhin 90 Prozent der Masse aus.



