Interview: Boris Banga zum Abschneiden Grenchens in der „Cash“-Städtestudie
Freitag, 29. April 2005
in Archiv bis 2007

Boris Banga: "Wer Grenchen kennt, weiss, dass das nicht stimmt."
citynet: Boris Banga, Sie sind Stadtpräsident der Schweizer Stadt, die am wenigsten Lebensqualität aufzuweisen hat. Stimmt das?
Boris Banga: Wer Grenchen kennt, weiss, dass das nicht stimmt. Unsere Stadt hat sehr viel Lebensqualität aufzuweisen.Warum dann diese Bewertung im „Cash“?
Weil die Grundlagen vollkommen falsch sind. Die Studie basiert auf Indikatoren, die falsch sind, und erst noch falsch interpretiert werden. Zudem ist das Zahlenmaterial teilweise veraltet und entspricht nicht mehr den heutigen Verhältnissen.
Können Sie uns ein Beispiel geben?
Sicher. Da werden zum Beispiel die Scheidungsrate und die Sterblichkeit als Indikatoren für die Lebensqualität mit einbezogen. Das ist doch nicht seriös. Das sind doch keine wichtigen Aussagen zur Beurteilung der Lebensqualität. Im Gegenteil: Ich kenne viele, deren Lebensqualität nach einer Scheidung sehr stark gestiegen ist. Doch Spass beiseite, das sind doch keine Indikatoren, die man ernst nehmen kann.Was wären dann die richtigen Beurteilungskriterien?
Beispielsweise die Kriminalitätsstatistik. Hier steht Grenchen sehr gut da. Oder die Verkehrsproblematik. Schauen Sie, Olten liegt auf dem 28. Platz. Wer einmal zu den Stosszeiten mit dem Auto in Olten unterwegs war, weiss, wie diese Stadt Tag für Tag unter diesem Verkehrskollaps zu leiden hat. Ist da die Lebensqualität besser als in Grenchen?
Da sieht die Situation in Grenchen sicher besser aus.
Das ist ja der springende Punkt. Die Studie schliesst die jüngste Entwicklung in Grenchen aus, z.B. der Autobahnanschluss und die Begegnungszone. Das sind Massnahmen, mit denen die Lebensqualität massiv gesteigert wurde.
Sie zweifeln also die Wissenschaftlichkeit der Studie an?
Natürlich. Wir haben die Studie bestellt und werden sie ganz genau analysieren. Nach allem, was wir bisher wissen, können wir die Seriosität und die Wissenschaftlichkeit aber sehr stark in Zweifel ziehen. Schauen Sie, eine Studie über Lebensqualität, bei der praktisch alle Zürcher Flughafengemeinden im vorderen Drittel liegen, die kann doch nicht seriös sein.
Glauben Sie, dass die Studie dem Ansehen von Grenchen geschadet hat?
Zuerst hatte ich diese Befürchtung. Doch ich hab’ meine Meinung geändert. Der letzte Platz ist besser, als beispielsweise der 95., wie er von Solothurn erreicht wurde. Ich habe jedenfalls die Vorzüge von Grenchen in verschiedenen Medien -. auch im Cash und im Schweizer Fernsehen - darstellen können. So gesehen ist der letzte Platz der besser als irgendeiner im letzten Drittel.



