(Paul-Georg Meister) – Wenn die politische Welt in Italien tatsächlich so ist, wie sie Donna Leon in ihrem neuesten Roman beschreibt, dann ist es schlecht um das schöne Land bestellt. Ein Lichtblick könnten dabei Menschen wie Guido Brunetti sein, die sich trotz allem nicht unterkriegen lassen und nicht resignieren. Einmal mehr ein toller Roman, mit glaubwürdigen Figuren.
Wer auf www.grenchen.net die Rezension zum letzten Roman von Donna Leon („Lasset die Kinder zu mir kommen“) gelesen hat, mag sich vielleicht daran erinnern, dass mir dieser nicht nicht gefallen hat. Ich habe mir damals gewünscht, dass es der Autorin gelingen wird, wieder auf das Niveau der vorangegangenen Romane zu kommen – und – mein Wunsch wurde erfüllt!
Im Roman „Das Mädchen seiner Träume“ erleben wir Commisario Guido Brunetti, seine Familie und sein Freund Vianello, wieder so, wie wir sie kennen und lieben. Einmal mehr meistert Brunetti – nicht zuletzt auch Dank der Mithilfe von Signorina Elettra – alle Tücken den Alltags.
Anschaulich wird gerade dieser Alltag zwischen der heilen Familie und dem beruflichen Leben in der Questura beschrieben; einem Leben, wo Korruption und Vetternwirtschaft vorherrschen und die Mafia unsichtbar überall ihre Finger drin hat.
Im neusten Roman wird Brunetti mit zwei Welten konfrontiert, in welchen er sich nicht auskennt. Zum einen mit der Welt der Sektenprediger, die andern Leuten das Geld aus der Tasche ziehen, zum Andern mit der Welt der Fahrenden, einer Welt, die von Vorurteilen, Kriminalität und Ausgrenzung geprägt ist.
Entgegen aller politischer Vernunft, entgegen aller gut gemeinter Ratschläge und entgegen mehr oder weniger direkt ausgesprochenen Drohungen will Brunetti den Tod eines „Zigeunermädchens“ aufklären und den Verantwortlichen hinter Gitter bringen. Doch einmal mehr hat er die Rechnung ohne das politische Establishment, ohne die Korruption und schliesslich auch ohne die Mentalität der Fahrenden gemacht.
Und so bringt er zwar Licht ins Dunkel des Verbrechens (oder war es am Ende doch ein Unfall?) – zur Rechenschaft gezogen wird – wie schon in vielen vorangegangenen Romanen – auch diesmal niemand.
Der neue Roman von Donna Leon entführt uns in ein Venedig und in ein Italien, wie es den meisten von uns wohl kaum bekannt ist. Und genau dies macht – zusammen mit den vielen kleinen liebenswürdigen Schilderungen des Alltages – den Reiz dieses Romans an. Donna Leon nimmt mit diesem Buch den Faden wieder auf, den sie im letzten verloren hat.
Ganz ohne Kritik kann aber auch diese Rezension nicht auskommen. Irgendwie fragt man sich beim Lesen schon, was die ganze Geschichte um den falschen Priester eigentlich soll. Dient sie einfach als Hintergrund für geistreiche Dialoge und philosophische Überlegungen zum Thema Tod und Religion?
Ich weiss es nicht. Aber eigentlich könnte der Roman gut ohne dieses Nebengeleise auskommen, das zudem irgendwann einmal einfach versandet.
Fazit: Nach dem „Ausrutscher“ im letzten Jahr ist der Comissario wieder zurück in seiner Welt. Und alle, die wie ich, auf diesen „Brunetti“ gewartet haben, freuen sich darüber.
Verlag: Diogenes; Auflage: 1 (26. Mai 2009)
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
ISBN-10: 3257066953
ISBN-13: 978-3257066951
Das Buch ist in allen guten Buchhandlungen erhältlich.
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