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Kolumne: Japan – “Wildwest” auf dem Fahrrad

Themenbild: Michel Studer

(Michel Studer) – Ich kann mich noch gut an meine „Velo-Prüfung“ damals in der 3. Klasse erinnern. Sie markierte so etwas wie den Startschuss für die unzähligen nachfolgenden Prüfungen, die mich auf meinem künftigen Lebensweg begleiten sollten. Der Lehrer hat uns die Theorie verständlich gemacht und wir haben diese eifrig gebüffelt, bis der „Tag X“ gekommen war und wir alle voller Nervosität die vorgegebene Strecke hinter uns brachten, penibel genau darauf achtend, ja alle vorher auswendig gelernten Feinheiten dieser „Kunst“ in die Tat umzusetzen. So etwas wie eine „Velo-Prüfung“ scheint es in Japan nicht zu geben.
Zu Beginn meines Aufenthaltes hier habe ich von meiner Gastmutter ein schönes, dunkelrotes Fahrrad erhalten, damit ich die Strecke bis zur nächsten U-Bahn-Station innerhalb von fünf Minuten zurücklegen kann und nicht alles zu Fuss gehen muss. (Was bedeutet, dass ich am Morgen fünf Minuten länger schlafen kann. Ein Hoch auf die Fahrräder!!) Doch ziemlich schnell wurde mir bewusst, dass es mit den Fahrrädern in diesem schönen Land so eine Sache ist.

Die sprichwörtliche Freundlichkeit und Zurückhaltung der Japaner in allen Ehren … Aber auf dem altbekannten Drahtesel wird jeder noch so wohlerzogene Nippon-Sohn zum eiskalten Strassen-Rowdy! Fahren auf der falschen Strassenseite (also rechts), mit einem Schirm oder Handy in der Hand, mit zig Einkaufstaschen am Lenker, einem Mitfahrer auf dem Gepäckträger, oder ohne jegliche Lichter inmitten der dunkelsten Nacht; alles wahrlich kein seltener Anblick hier. Und sowas wie eine „rote Ampel“ scheint für die Fahrradfahrer sowieso keine Gültigkeit zu besitzen. Tollkühn und todesverachtend rast man durch die Strassen.

Ich kann von mir keineswegs behaupten, ein Kenner der japanischen Verkehrsregeln zu sein und ich weiss deshalb nicht, ob funktionierende Lichter (oder Bremsen) in Japan obligatorisch sind. Doch als Jemand, der die Verkehrsregeln in der Schweiz sehr ernst nimmt, muss ich zugeben, dass ich bei meinem ersten Besuch in Japan im Jahre 2006 ziemlich schockiert war von dieser scheinbaren Rücksichtslosigkeit. Alle paar Meter musste ich zur Seite treten, um einem sich von hinten nähernden Radfahrer Platz zu machen …Richtig, in Japan fährt man auch auf dem Trottoir! Schon nur das ging mir nach kurzer Zeit ziemlich auf die Nerven. (Und dass man sich in solchen Situationen selten einmal mit der Fahrradklingel bemerkbar macht sondern einfach volle Kanone auf die seit Jahrzehnten nicht mehr geölten Bremsen tritt, was bei einem unerfahrenen Westler fast schon zu einem Hörsturz führt, sei nur kurz am Rande erwähnt.)

Man versucht zwar verzweifelt, einigermassen Ordnung in das Chaos zu bringen indem man die Trottoirs unterteilt in einen Bereich für Fussgänger und einen rot-markierten für alle Fahrradfahrer. Doch drei Mal dürfen Sie raten: auch daran hält sich kaum Jemand.

Eigentlich müsste man meinen, dass bei diesem „Wild-West-Verhalten“ ständig irgendwelche schlimme Unfälle passieren sollten. Doch welch Überraschung: es geschieht kaum etwas! Fragen Sie mich jetzt bloss nicht, wieso. Ich kann es mir selbst nicht erklären. Ich war zwar schon Zeuge mehrerer beinahe-Zusammenstösse, die ein blutiges Ende hätten nehmen können und sah (und hörte!) vor ungefähr einer Woche, wie zwei Fahrradfahrer frontal und ungebremst ineinander fuhren; gefolgt von tausend Verbeugungen und höflichen Entschuldigungen. Dennoch, es ist kaum zu glauben, dass nicht ständig ein laut jaulendes Ambulanzfahrzeug durch die Strassen jagt.

Jeden Abend bin ich heilfroh, dass mich meine Freundin nicht mit Vita-Merfen und Pflaster verarzten muss. Und ich werde mir weiterhin jeden Morgen, bevor ich meinen Drahtesel besteige, bewusst machen müssen, dass ich mich gleich in eine gesetzlose Zone begeben werde.

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