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Kolumne: Japan – Zwei Wochen Ausnahmezustand

Kirschblüte in Japan. (Foto: Michel Studer)

(Michel Studer) – Gegen Ende März findet im Land der aufgehenden Sonne eines der wichtigsten Ereignisse überhaupt statt: Das lang erwartete Erblühen der „Sakura“, der wunderschönen japanischen Kirschblüte. Das bedeutet vor allem eines: zwei Wochen Ausnahmezustand im gesamten Inselreich! Wie wir mit eigenen Augen sehen konnten, gibt es um diese Zeit kein Halten mehr. Tausende und Abertausende Japaner aller Altersgruppen strömen geschlossen in die Parkanlagen und zu den Tempeln und Schreinen, um sich unter den Kirschbäumen niederzulassen und bei einem Gläschen Sake (japanischer Reiswein) die weiss-rosa Pracht zu bestaunen. Man trifft sich, feiert, lacht, isst die delikatesten Sushi und trinkt zuweilen einen über den Durst. Die ansonsten eher stillen und beherrschten Japaner lassen mal so richtig „die Sau raus“. (Das haben sie sich auch redlich verdient, so viel wie die schuften!!)

Man fragt sich als Westler vielleicht, was die Bevölkerung des modernsten Landes der Welt so aufregend findet an ein paar Blüten… Schliesslich rennen wir Schweizer im Frühling auch nicht begeistert auf die Felder, nur weil sich die Blüten der Apfelbäume geöffnet haben.

Zum einen ist die Kirschblüte ein nicht wegzudenkender Bestandteil der japanischen Tradition und Kultur. Als Symbol für Schönheit und Vergänglichkeit war und ist sie von grosser Wichtigkeit; es gibt hunderte von Gedichten und Liedern, entstanden im Laufe der Jahrhunderte, welche dieses kleine Wunder der Natur zum Thema haben.

Doch es muss noch etwas anderes geben, was die Japaner an der Kirschblüte derart faszinierend finden. Ein möglicher Grund: Natur-Entzug! (Unwort des Jahres?)

Ablenkungen vom stressigen Alltag gibt es in den technisierten Grossstädten Japans wahrlich mehr als genug: Videospiele, Manga (japanische Comics), Glücksspiele wie „Slot“ oder „Pachinko“, das allseits beliebte Karaoke oder ein Besuch in einer der unzähligen Bars und Discos … Es kann einem hier unmöglich langweilig werden. Vielleicht ist ja genau diese endlose Reizüberflutung verantwortlich dafür, dass die Japaner sich verzweifelt an den letzten Resten der Natur festklammern, die man in den hoffnungslos überfüllten Städten noch finden kann. Draussen auf dem Land mag sich einem die Gelegenheit für einen Spaziergang in einem menschenleeren Wald ja noch bieten … Versuchen Sie das mal in der 35 Millionen-Metropole Tokyo! Und auch das wesentlich kleinere Osaka (17 Millionen Einwohner), wo ich mich zur Zeit aufhalte, ist nicht gerade gesegnet mit erholsamen Grünflächen.

„Zurück zu den Wurzeln“, scheint während der Kirschblüten-Zeit also die Parole zu sein. Zurück in die Zeit, da man sich noch nicht gegenseitig auf die Füsse stand, da man noch genug Raum zum Atmen hatte.

Die Frauen kleiden sich in den Kimono, das seit über tausend Jahren bekannte, traditionelle Nationalgewand Japans. Und auf einem Streifzug durch die für die Kirschblüten berühmten Orte trifft man beizeiten sogar Männer an, die sich für einmal von der japanischen Uniform – dem pechschwarzen Anzug des Geschäftsmannes – getrennt und diese gegen einen „Hakama“ (das traditionelle Gewand der Männer) eingetauscht haben.

Es herrscht allerorts eine friedliche, begeisterte und träumerische Atmosphäre, von der man sich nur zu gern anstecken lässt. Das konnten auch wir miterleben, als wir in Kyoto den von hunderten prächtigen Kirschbäumen gesäumten Philosophenweg entlang gingen und den Zauber der Sakura auf uns wirken liessen. Man fühlte sich wie damals, als der Mensch die Natur noch nicht zu einem Nebendarsteller im alltäglichen Theater gemacht hatte.

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2 Kommentare zu Artikel “Kolumne: Japan – Zwei Wochen Ausnahmezustand”

  1. Angela Kummer sagt:

    Hoi Michel!
    So luschtig di nach so viune Johr plötzlech uf gränche-net z’entdecke. Ig lise dini spannende Brichte us Japan sehr gärn – dört wetti au scho lang mou häre. Gniesset euchi Zyt und brichtet witerhin dervor!
    Liebe Gruess vo dire aute Schueukollegin us Gränche!

  2. Kropf Marco sagt:

    Hallo zusammen

    an michel: vielen dank für diese geschichten. wie wärs mit kopieren und ins “nippon07/08″-foyer integrieren???

    an Angela: tja, sieht man sich an der uni nie, klappts über internet… irendwo

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