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Kolumne: Gratis. Zum Mitnehmen

(Sabine Waelti) – Was fällt Ihnen als erstes ein, wenn Sie an die Strasse denken, in der Sie wohnen? Also, in meiner Strasse, da versteigern die Leute ihren alten Krempel nicht auf Ebay und sie gehen damit auch nicht auf den Flohmarkt. Nein, sie stellen die Sachen ganz einfach vor ihre Haustüre und beschriften sie mit “Gratis. Zum Mitnehmen”.
Damit scheinen sie Erfolg zu haben, denn sie tun es immer wieder. Nur mein Nachbar hat es bis heute nicht geschafft, sein Sofa auf diese Weise loszuwerden. Dieses gammelte wochenlang vor seinem Haus vor sich hin. Ein anderer Nachbar fand das gar nicht lustig und zündete das Sofa an. Nun ist es nur noch halb so gross. Und gammelt weiter auf unserem Trottoir vor sich hin.

Aber wie gesagt, meine anderen Nachbarinnen und Nachbarn werden ihren alten Müll mit der “Gratis. Zum Mitnehmen”-Methode los. Grund genug, es auch zu wagen, dachte ich, nahm meine zu engen Kleider, meine nie gebrauchten Taschen und meine hässlichen Geschirr-Teile, packte sie in zwei grosse Wäschekörbe und beschriftete alles mit “Gratis. Zum Mitnehmen”. Und mein Freund legte noch seine marode Küchenwaage oben drauf.

Aus dem vierten Stock beobachtete ich nun die Passantinnen und Passanten (und fragte mich dabei, ob das alle tun, die ihren “Gratis. Zum Mitnehmen”-Ramsch rausstellen) und konnte diese schon bald in vier Kategorien einteilen: Typ 1: Geht vorbei, ohne den Grümpel wahrzunehmen. Typ 2: Schaut kurz hin und dann schnell wieder weg. Typ 3: Wühlt in meinen Sachen und geht enttäuscht und ohne etwas mitzunehmen wieder weg. Typ 4: Greift freudig zu (Die erste Dame von dieser Kategorie entschied sich übrigens für die Küchenwaage meines Freundes).

Aber abgesehen von der wirklich hässlichen Küchenwaage stiess mein privater Gratis-Flohmarkt auf eher wenig Interesse, so meine Bilanz am späten Nachmittag. Schnell wollte ich meine Sachen wieder in unsere Wohnung holen, um ihnen ein Schicksal wie das des Nachbar-Sofas zu ersparen. Doch mein Freund meinte: “Aber nun wird es doch erst dunkel. Wetten, dass die meisten sich erst jetzt trauen, etwas zu nehmen?”

Na ja, ein Versuch ist`s wert, dachte ich. Und nach zwei Stunden – oh Wunder – war restlos alles weg: Nicht nur meine alten Kleider, meine langweiligen Taschen und mein zusammengewürfeltes Geschirr – nein, auch meine ach so praktischen Wäschekörbe! Na, Sie wissen ja, welche Aufschrift diese zierte: “Gratis. Zum Mitnehmen”.

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