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Ausbeutung der Adivasi in Indien

(Aufgezeichnet von Patrick Frei-Gisi) Kanagaraj vom Stamm der Irula hat in den 60 Jahren seines Lebens erlebt, was 75 Millionen von Adivasi (Ureinwohner) widerfährt: Mit der Vertreibung aus dem Wald wurde er auch aus der eigenen Kultur und Religion entwurzelt. Als «Gottverlassene» vermochte sich seine Sippe noch weniger gegen Erniedrigung und Ausbeutung zu wehren. Das Fastenopfer setzt sich mit seinen Projekten gezielt für kulturelle und religiöse Stärkung von Dorfgemeinschaften ein.«Dieser Sangam ist Euer Tempel», bringt es Walter Ulmi, beim Fastenopfer verantwortlich für das Landesprogramm in Indien, auf den Punkt. Die Spargruppe oder Reisbank (Sangam) wird zum religiösen Eckpfeiler beim Wiederaufbau einer Gemeinschaft. So erlebte es auch Kanagaraj und seine Sippe:

«Unsere Heimat war während Generationen der Wald von Perumalkaad im Bundesstaat Tamil Nadu, ungefähr 20 Kilometer von hier entfernt. Unsere Gemeinschaft der Irula lebte in zwölf Weilern, verstreut über ein riesiges Dschungelgebiet. Der Wald lieferte alles, was wir zum Leben brauchten: Wurzeln und Knollen, Früchte, Honig, Medizin, Holz und ausreichend Tiere für die Jagd. Zudem bauten wir Hirse, Bohnen und anderes Gemüse an. Das alles reichte uns für genügend Nahrung. Einen kleinen Überschuss tauschten wir auf dem Wochenmarkt. Wir beteten zu unserem Gott Mariamman und brachten ihm Opfer. Unser Gott war glücklich mit uns und er beschützte uns vor allen bösen Kräften.

Wir lebten unsere Kultur und beschützten den Wald. Der Pujari (Medizinmann) war zusammen mit dem Sippenhäuptling für unsere Sicherheit und Gesundheit besorgt.
Das Leben für uns Irulas änderte sich, als wir vor 25 Jahren vertrieben wurden. Die Forstverwaltung sagte uns, der Wald sei Eigentum der Regierung. Sie drohte uns mit Gefängnis, falls wir ihn nicht verlassen würden. Unser Flehen fand kein Gehör: Die Forstverwaltung warf uns gewaltsam aus dem Wald hinaus. Unsere Sippe kam ins Dorf Baigutta. Dort baten wir die Grossgrundbesitzer um Arbeit auf ihren Feldern. Weil wir Hunger hatten, offerierten sie uns ein Darlehen, das wir mit Feldarbeit zurückbezahlen sollten.

Wir begannen auf den Feldern zu arbeiten – oft 18 Stunden harte Arbeit am Tag. Wie die Tage vergingen wurde uns bewusst, dass wir keinen Lohn erhielten und dass wir plötzlich «Kottha-admiye» (Arbeitende unter sklavenähnlichen Bedingungen) waren. In Notsituationen gaben uns die Grossgrundbesitzer weitere Darlehen. Uns blieb nichts anderes übrig, als für Jahre und Jahrzehnte weiterzuarbeiten, um zu überleben.
Wir litten Hunger. Die Grossgrundbesitzer, belästigten unsere Frauen, schlugen uns und verlangten, dass wir noch mehr arbeiteten, auch wenn wir krank waren. Wir konnten das Gemeinschaftsleben und unsere Religion nicht mehr pflegen. Einige Mitglieder zogen in die Stadt. Viele kehrten nicht mehr zurück, andere kamen an Aids erkrankt heim und starben.
Wir nahmen Zuflucht bei unserem Gott und feierten für Mariamman eine Zeremonie im Wald. Sogar unser Gott war böse auf uns: Während des gesamten Gottesdienst schwieg er. Der Pujari fühlte sich machtlos. Die Grossgrundbesitzer zwangen uns gar, unsere Bräuche aufzugeben, und ihr Gottesbild zu übernehmen.
In dieser Hoffnungslosigkeit nahm REMES mit uns Kontakt auf. REMES sind Partner des Fastenopfers. Sie gaben uns den Rat, eine Reisbank (Sangam) zu gründen. Im Verborgenen führten sie mit uns Besprechungen. Unsere Ältesten trafen sich mit Irulas aus anderen Dörfern. Diese hatten sich bereits in Sangams organisiert.
Mit dem Erlernten begannen auch wir zu sparen: Wir verkauften unsere gesammelten Produkte aus dem Wald. Das gemeinsam Ersparte konnten wir in Notsituationen verwenden. Schon bald waren wir nicht mehr auf Darlehen angewiesen. REMES vermittelte uns zudem, dass wir allen Grund haben, stolz auf unsere Kultur und Religion zu sein. Nun fühlen wir uns als Gemeinschaft stärker.
Es dauerte Jahre, bis wir uns aus der Sklaverei befreit hatten und Entlöhnung verlangen konnten. Angesichts der Solidarität unter den Irula-Dörfern wurden die Grossgrundbesitzer gezwungen, uns täglich zu bezahlen. Nun sind wir permanent am Aushandeln höherer Löhne.
Alle diese positiven Ereignisse ermöglichten, dass wir in die Nähe unseres Waldes ziehen konnten. Wir errichteten Hütten und pflanzten ein wenig Hirse an. Unsere Vernetzung machte es ausserdem möglich, bei der Regierung eine Petition einzureichen, damit unsere Existenz und unser Recht auf Leben anerkannt wird. Mit Erfolg: Die Regierung hat uns Landtitel für unsere Hütten und ein Zertifikat für die Urbarmachung eines kleinen Gemeinschaftsfeldes ausgestellt. Spezielle Identitätskarten erlauben es uns nun, im Wald kleine Mengen Nahrungsmittel zu sammeln.

Zudem erhielten wir eine Rationskarte, mit der wir subventioniertes Getreide beziehen können. Nach der Lohnerhöhung beträgt unser Salär nun 30 Rupies (knapp 80 Rappen) pro Tag. Unsere Frauen werden nicht mehr belästigt. Unserer Kinder gehen nun zur Schule, nachdem das Mittagstisch-Programm auf sie ausgeweitet wurde.
Diese Veränderungen in unserem Leben wären nicht möglich gewesen ohne den Segen Mariammans. Er war böse auf uns, weil wir ihn, unseren Wald, unseren Boden und unsere Kultur verlassen hatten. Deshalb schwieg er. Doch nun kommuniziert er wieder mit uns und drückt im Gottesdienst seine Freude aus über unsere neu geschaffene Situation. Wir können ihn wieder mit Ritualen und Opfern, unserer Kultur gemäss, ehren. Niemand soll uns künftig unseren Gott wegnehmen können. Wir würden ja wieder alles verlieren.

Unser einziger Traum ist, zurückzukehren in unseren Wald. Und in der Lage zu sein, Mariamman zu preisen, um ihn glücklich zu machen und unsere Kultur zu leben, wie unsere Vorfahren.»

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