
(Erwin Koch/ Fastenopfer) Die Armut in Brasilien treibt Tausende von Menschen in die Fänge von skrupellosen Sklavenhaltern. Harte Arbeit, kein Lohn. Ihre einzige Hoffnung ist die Landpastorale CPT, eine Partnerorganisation des Fastenopfers. Der Journalist Erwin Koch war dabei, als der 63-jährige Pedro da Silva Conceição befreit wurde. Ein Beitrag zur ökumenischen Kampagne «Wir glauben. Arbeit muss menschenwürdig sein.»Als sie kommen, Maschinenpistolen in der Hand, kugelsichere Westen, weiss Pedro da Silva Conceição nicht, ob er weglaufen soll oder sterben. Sie springen aus hohen weissen Wagen und sagen: Keine Angst, Bundespolizei. Pedro sitzt auf einem Stück Holz in der Mitte von Rauch und Russ, eine junge Frau stellt sich vor ihn, sie hustet und spricht: Keine Angst, wir sind vom Arbeitsministerium und möchten wissen, wie es dir geht.
Sie fragt nach seinem Namen, wann er geboren sei, Pedro hebt seine grossen schwarzen Hände: In Ceará.
Wann?, fragt die Frau.
Er überlegt.
Wie alt bist du, Pedro da Silva Conceição?
63, sagt er, sie notiert.
Hast du für deine Arbeit einen Lohn bekommen?
Nie.
In Brasilien herrscht, seit 1888 verboten, Sklaverei. Die Zahl derer, die unter sklavengleichen Bedingungen leben, schätzt die Regierung auf 25 000, die Internationale Arbeitsorganisation ILO vermutet bis 40 000: auf abgelegenen Höfen im Norden des Landes, Köhler am Rand des Regenwalds, Industriearbeiter in der Nähe von São Paulo.
Im Mai 1995 gestand Staatspräsident Cardoso endlich die Sklaverei in seinem Land und versprach Abhilfe. Das Arbeitsministerium schuf sieben Mobile Gruppen, bestehend aus Bundespolizisten, Arbeitsrechtlern, Chauffeuren und Staatsanwalt, die seither ins Land schwärmen, auf der Suche nach Sklaven und ihren Haltern.
Kannst du lesen?, fragt sie, kannst du schreiben?
Ich kann nichts, sagt er und reibt die grossen schwarzen Hände, Hände wie Schaufeln.
Der Vater, glaubt Pedro, besass ein Stück Land, drüben in Ceará, zweitausend Kilometer von hier, denn Pedro weiss noch, wie ihn der Vater, sein jüngstes von elf Kindern, vor den Handkarren band, als wäre er ein Esel, damit er ihm half, den Maniok nach Hause zu bringen.
Irgendwann im Leben von Pedro da Silva Conceição war kein Vater mehr da, Die Mutter schrie ihre Ältesten aus dem Haus. Mit sieben Jahren verkaufte Pedro Melonen, die er auf dem Markt stahl. Die Mutter zog weiter. Pedro, vierzehn, schleppte im Hafen Säcke voller Reis, wenn keiner ihn sah, schnitt er sie auf und nahm davon. Wo ist deine Arbeitskarte?, fragt sie.
Er hat sie mir genommen.
Wer?
Dem die Köhlerei hier gehört.
Weisst du, wie er heisst?
Weiss ich nicht, sagt Pedro.
Wenn du ihn rufst, wie nennst du ihn?
Jorge.
Die Sklaven der Jetztzeit, anders als jene des Altertums, sind ihren Besitzern nichts wert, sie sind jederzeit ersetzbar, der moderne Sklave ist ein Wegwerfmensch, lästig und Abfall, sobald er müde oder krank ist.
Pedro sitzt in der Mitte von Rauch und Russ, er sieht die Polizisten und möchte fort.
Pedro, fragt sie, weisst du, was ein Sklave ist?
Die sieben Mobilen Gruppen folgen einer Anzeige eines entlaufenen Sklaven. Drei Viertel dieser Anzeigen gehen nicht bei der Polizei ein – zu gross ist das Misstrauen der Rechtlosen –, sondern bei Organisationen wie der Landpastorale, Comissão Pastoral da Terra CPT. Die Partnerorganisation des Fastenopfers meldet dem Arbeitsministerium in Brasilia, was ihr zu Ohren kommt. In elf Jahren befreiten die Mobilen Gruppen 20 000 Sklaven.
Ein Sklave, knurrt Pedro, ist einer wie ich. Einer, der nichts hat und der nichts ist, der nichts kann und nichts darf und nichts sagt und…
Und?
Jorge sagt, ich schulde ihm Geld.
Wie viel?
Neuntausend.
Das ist viel Geld, sagt sie.
Ja, viel Geld, flüstert Pedro da Silva Conceição.
Als Pedro, Vater von sieben Kindern, seine Familie verliess, war er dreissig Jahre alt oder vierzig. Er ging nachts, sprach kein Wort. Er hielt einen Lastwagen an und stieg erst ab, als der Wagen nach Stunden hielt. Plötzlich war einer neben ihm und sagte: Ich habe Arbeit für dich, elf Reais im Tag.
Pedro fragte nicht. Sie fuhren zum Rio Xingu, dort warteten andere, sie nahmen die Fähre, der Fremde sagte: Drüben ist ein Restaurant, esst und trinkt, so viel ihr wollt, alles auf meine Rechnung. Sie assen, sie tranken, fuhren und fuhren. Schliesslich erreichten sie eine Fazenda. Pedro bekam ein krummes Messer, Stiefel, einen Hut. Er begann zu jäten und zu roden. Nach einem Monat fragte er: Hast du mir nicht elf Reais versprochen? Stimmt, sagte der Mann, den
alle Gato riefen, Kater,, aber so lange du Schulden hast, bekommst du keinen Lohn. Was für Schulden? Das teure Mahl am Rio Xingu, die lange Fahrt, die Stiefel, die du trägst, den Hut, dein Werkzeug…
Nach drei Monaten war Pedro müde und krank. Gato befahl ihn und zwei andere, denen es nicht besser ging, auf einen Geländewagen, sie fuhren durch den Wald, Pedro erbrach, Gato streckte die Arbeitskarte hin: Verschwindet.
Ein Lastwagen nahm sie mit. In Uruará sagte ein Fremder: Ich habe Arbeit, 200 Reais im Monat. Pedro dachte, so schlimm wie das letzte Mal kann es nicht sein.
Manchmal fand Pedro ein totes Kalb, dann schnitt er sich ein Stück ab. Eines Nachts hörte er Schüsse. Die Männer erzählten sich, einer habe zu fliehen versucht. Tage später fanden sie ihn, bedeckt von Ameisen und Fliegen. Wieder wurde Pedro da Silva Conceição krank, sie führten ihn zur Strasse: Zieh weiter.
Warum bleibst du, wo Jorge nie zahlt?
Pedro schaut zu Boden, schaut zu den Öfen, schwarz, die Erde, die Menschen, kahl und schwarz.
Man geht nicht weg, wenn man Schulden hat.
Zeigst du mir, wo du schläfst?
Er nickt und hinkt durch seine Hölle, gelber stinkender Rauch.
Im August stand Pedro an der Strasse, jemand stellte sich zu ihm: Ich kenne einen Köhler, ein anständiger Mensch. Pedro, alt und krumm, fragte: Ehrlich ist er auch? Er ist mein Schwager, log der Fremde.
Jorge zeigte ihm, wie der Ofen zu füllen ist, wie er dann zu schliessen sei mit Lehm und blossen Händen, er lernte das Holz entzünden, dann, von oben nach unten, ein Luftloch nach dem andern schliessen, warten und wachen und nach acht Tagen den Ofen öffnen und dann, sobald die Hitze erträglich ist, leeren, Schaufel um Schaufel voller heisser Kohle, dann Ofen füllen, anzünden, warten wachen leeren.
Wo kaufst du ein?, fragt die Anwältin.
Bei Fonseca, an der Strasse.
Ohne Geld?
Jorge gibt mir einen Gutschein. Damit kaufe ich ein bei Fonseca.
Was kostet dort eine Cola?
Zwei Reais.
Eine Cola, sagt sie, kostet eigentlich nur ein Real.
Pedro zeigt auf eine Hütte, Wellblechdach, Betonboden: Hier wohne ich.
Und wo holt ihr das Wasser?
Pedro hinkt in ein kleines Tal, die Frau folgt ihm, und als er das Tal erreicht, will er zurück, ein Mann steht im Sumpf, links und rechts ein Bundespolizist, und Jorge schaut zu Pedro, fragt: Bist du der Verräter?
Wie könnte ich, antwortet Pedro und will fort.
Ihr seid alle entlassen, schreit Jorge Pereira Acrião, Sklavenhalter, so undankbar seid ihr Hunde, dass ich euch entlasse.
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