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Besuch aus Steinach/Tirol : Erinnerungen die fürs Leben bleiben

(Kaspar Haupt) Als unauslöschbare Erinnerungen bezeichnet der Steinacher Erwin Reimeir seinen damaligen dreimonatigen Ferienaufenthalt in Grenchen. Vom Oktober 1947 bis Januar 1948 war Reimeir Gastkind bei der Familie Kocher am Höhenweg. Dieser Tage besuchte der jetzt pensionierte Lehrer für Maschinenbau seine ehemalige Gastfamilie."Ein wahrer Freund in der Not ist Grenchen, die Schweizer Patenstadt der Marktgemeinde Steinach. Unvergesslich bleiben die vielen Beweise edler Hilfsbereitschaft im Rahmen der Hilfsaktion "Grenchen hilft Steinach"." Dieser Text ist ein Auszug aus dem Eintrag ins Ehrenbuch der Gemeinde Steinach von 1947, anlässlich eines offiziellen Besuches einer Grenchner Delegation. Diese bestand aus Stadtammann Adolf Furrer, den Gemeinderäten Kurt Staub und Friedrich Grimm, dem Redaktor des Grenchner Tagblatt Fernand Trachsler, dem Stadtschreiber Ernst Dörflinger und den beiden Fabrikanten Gerald Schärz und Erwin Kocher. Die Urkunde, in Gold gerahmt, wird heute im Stadtarchiv aufbewahrt.

Salome Moser, Stadtarchivarin hält im Jahrbuch 1997 die Gründe fest, wie es dazu kam, dass Grenchen der kleinen Gemeinde Steinach, einem Ort am Brenner im Tirol, half die grosse Not, entstanden aus den Kriegswirren, zu lindern. Ein Augenschein zeigte, dass es in Steinach so ziemlich an allem fehlte: Von Lebensmitteln bis zu Kleidungsstücken und Medikamenten.

Im Frühjahr/Sommer 1947, so erinnert sich auch Erwin Reimeir, einer der damaligen Ferienkinder, verschlechterte sich wieder die Ernährungslage in Steinach. Es gab keine Kartoffel und tagelang auch kein Brot. Die Stadt Grenchen beschloss angesichts dieser Situation, weitere Waggons mit Lebensmitteln nach Steinach zu schicken. Aber die Hilfe beschränkte sich nicht nur auf Lieferung von Nahrungsmitteln, sondern ein grosser
Erfolg wurde die so genannte Kinderferienaktion. Denn auf die Initiative des Gemeinderates Kurt Staub und des Redaktors Fernand Trachsler konnten bis Ende 1948 über 100 Steinacher Schulkinder drei Monate bei Grenchner Familien Ferien machen und sich von den Strapazen des Krieges erholen.

"Ich sehe das noch alles genau vor mir", erzählt Erwin Reimeir, anlässlich seines Besuches in Grenchen. "Ausgestattet mit einer viersprachigen Identitätskarte kamen wir Schulkinder aus ärmlichen Verhältnissen und wenig zu Essen über Innsbruck, Sargans, Buchs nach Zürich. Für mich tat sich damals eine überwältigende Wunderwelt wie im Märchen auf. Keine Trümmer, eine richtige heile Welt tat sich auf. Das ist alles nur
ein Traum, waren meine Gedanken, denn mir war zumute, als ob ich eine Fabelwelt betrete. Das war alles so unvorstellbar für einen jungen elfjährigen Schulbuben, der aus ärmlichen bäuerlichen Verhältnissen kam. Ebenso verwirrend waren für mich die riesigen Plakate voller Werbung. Die Reklame für Bally-Schuhe sehe ich heute noch deutlich vor mir, wie die Vitrinen voller Süssigkeiten, unerreichbare Schätze für mich", erzählt Erwin Reimeir.
"In Grenchen, in einem Saal in der Nähe vom Bahnhof (Badsaal), wurden wir Ferienkinder an die Grenchner Gastfamilen verteilt", erinnert sich Erwin Reimeir noch ganz genau. "Alle Kinder waren schon verteilt. Nur ich sass noch ganz alleine da, den Tränen nahe. Ich stellte mir schon die Frage, ob man mich vergessen habe. Doch dann stand plötzlich eine wunderbare Frau vor mir, ein Bild dass ich nie vergessen werde.
Sie war für mich die schönste Frau, die ich, ein kleiner elfjähriger Junge je gesehen hatte. Gekleidet mit einem roten Mantel und schwarzen Stiefel, so wird in mir das Bildnis von Edith Kocher, Gattin des Fabrikanten Erwin Kocher, in ewiger Erinnerung bleiben. Mit einem freundlichen Lächeln forderte mich dann Frau Kocher auf, mit ihr zu kommen, denn ihr Haus sei nun für drei Monate auch mein Zuhause. Unvorstellbar war für mich", so Erwin Reimeir, "dass ich erstmals in einem Einzelzimmer schlafen durfte. Das Haus war für mich wie eine Traumvilla und vor allem erfüllte mich die Liebe die mir entgegen gebracht wurde mit einer Dankbarkeit, die heute noch unvergesslich in meinem Herzen wohnt. Völlig neu in meinem jungen Leben war die Integration in der Gastfamilie Kocher. Frau Edith Kocher wurde für mich eine Ersatzmutter. Heute spüre ich", sinniert Erwin Reimeir, "dass die völlige Integration in die Familie Kocher in mir etwas Unvergessbares eingeprägt hat und fühle heute noch eine grosse Dankbarkeit in mir für meine Ersatzmutter", wie Erwin Reimeir Edith Kocher nennt. "Aber auch die Erlebnisse in der Fremde in jungen Jahren waren einprägsam für mein späteres Leben. Denn ich habe damals erkannt, dass man es mit Wille und Fleiss zu etwas bringen kann."

Bis heute bestehen immer noch briefliche Kontakte zwischen Edith Kocher und Erwin Reimeir. Natürlich freute sich Edith Kocher ganz herzlich, als ihr einstiges Ferienkind nochmals zu Besuch kam.


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